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Warum wir ständig glauben, dass uns noch etwas fehlt


Vor ein paar Tagen bekam ich eine Versandbestätigung und musste tatsächlich überlegen, was ich eigentlich bestellt hatte.

Ich musste lachen, als mir das auffiel.

Nicht einmal besonders über mich. Eher über mein Gehirn. Offenbar hatte es beschlossen, dass die Vorfreude auf dieses Paket ihren Zweck erfüllt hatte und nun etwas anderes an der Reihe war. Dabei war der Kauf noch keine zwei Tage her. Ich fragte mich, ob das schon immer so war.

Früher musste man vermutlich eine Woche auf ein Paket warten. Vielleicht sogar zwei. Ob man sich in dieser Zeit genauso schnell für etwas Neues begeistert hat? Oder hat man sich jeden Morgen ehrlich gefreut, wenn man den Postboten die Straße entlangkommen sah? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich verkläre ich die Vergangenheit gerade ein wenig. Das tue ich manchmal.

Aber die Frage bleibt trotzdem: Warum verschwindet Vorfreude manchmal so schnell? 

Ich glaube, deshalb mag ich Bücher so gern. Nicht nur, weil sie Geschichten erzählen. Bücher haben etwas angenehm Unmodernes. Sie weigern sich hartnäckig, schnell zu sein. Man kann ein Buch nicht nebenbei lesen. Man kann auch schlecht fünf Bücher gleichzeitig lesen, jedenfalls nicht besonders erfolgreich. Ein Buch verlangt, dass man ihm Zeit gibt. Und vielleicht gefällt mir das deshalb so gut, weil mein Kopf erstaunlich gern schon beim nächsten Gedanken ist, bevor der vorherige überhaupt zu Ende gedacht wurde.

Leider funktioniert das nur in der Theorie. 

In der Praxis stehe ich regelmäßig vor meinem Bücherregal und denke, dass dort eigentlich noch genau dieses eine Buch fehlt. Dieses eine Buch mit dem tollen Titel und dem wundervollen Cover ... wie hieß es noch gleich? Oder endlich die schöne Ausgabe eines Klassikers, die ich schon so lange haben wollte. Manchmal erwische ich mich sogar dabei, wie ich nach Büchern suche, obwohl ich ganz genau weiß, dass auf meinem Nachttisch noch welche liegen, die ich noch gar nicht gelesen habe.

Das Verrückte daran ist nicht, dass ich neue Bücher mag, sondern dass ich die alten genauso mag. Sie verschwinden nur erstaunlich schnell aus meinem Blickfeld (und leider aus meinen Gedanken).

Mein Garten hat seit letzem Jahr ei aar Himbersträucher. Also machte ich mich früh morgens auf den Weg, um Himbeeren zu pflücken. Eigentlich wollte ich nur eine Schüssel voll für das Frühstück holen. Während ich dort stand, fiel mir ein, dass neben den Himbeeren vielleicht noch Platz für eine gelbe Sorte wäre. Und wenn man schon dabei ist, könnte man die Rankhilfe auch gleich erneuern. Vielleicht ließe sich das Beet überhaupt...

Ich hielt mitten im Gedanken inne. In meiner Hand war doch bereits eine Schüssel voller Himbeeren. Und zwar in genau der richtigen Menge. Ist es nicht erstaunlich, wie schwer sich das Wort "genug" greifen lässt? und zwar nicht nur im Garten oder im Bücherregal. Vielleicht überhaupt nicht.

Denn jedes Mal, wenn ich glaube, es gefunden zu haben, schiebt sich schon die nächste Möglichkeit ins Bild. Das nächste Buch. Die nächste Idee. Die nächste Pflanze. Als hätte mein Gehirn eine ganz besondere Begabung dafür entwickelt, freie Plätze zu entdecken. Sherlock Holmes hätte vermutlich gar nicht die Himbeeren bemerkt. Er hätte gesehen, dass mein Blick keine einzige Sekunde auf der vollen Schüssel lag, sondern ausschließlich auf dem leeren Platz daneben. Vielleicht tun wir das öfter, als uns bewusst ist. 

Ich bin mir nur nicht sicher, ob das ein Fehler ist. Vielleicht verdanken wir dieser Eigenart fast alles, was Menschen jemals geschaffen haben. Gärten entstehen schließlich nicht, weil jemand denkt: "So ist es gut." Sie entstehen, weil jemand sich fragt, was hier noch wachsen könnte. 

Vielleicht liegt das Problem also gar nicht darin, dass wir immer wieder nach dem Nächsten suchen. Vielleicht vergessen wir nur manchmal, uns umzudrehen. Denn hinter uns stehen oft Bücher, die wir einmal unbedingt lesen wollten. Himbeersträucher, die mehr tragen, als wir essen können. Ideen, auf die wir einmal stolz waren und die heute zwischen zwei Notizbuchseiten schlafen.

Manchmal frage ich mich, ob "genug" gar nichts ist, das man erreichen kann. Vielleicht ist es nur ein kurzer Augenblick.

Der Moment, in dem man sich umdreht.

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  • Gekürzte Lesung

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