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Zwischen Heu und Honig


Warum manche Dinge erst Sinn ergeben, wenn man sie selbst erlebt.

Vor ein paar Jahren habe ich Ende Juli Heu gemacht. Per Hand. Landwirte würden wahrscheinlich schmunzeln, wenn ich das so erzähle. Es war kein Heuwagen, der über eine große Wiese zog, sondern der Rasenschnitt unseres Grundstücks. Ich hatte ja keine große Wiese und vor allem keinen Heuwender. Aber ich hatte Rasenschnitt. Und er lag in der Sonne, konnte gewendet werden und durfte auf keinen Fall feucht werden. 

Plötzlich schaute ich mehrmals am Tag zum Himmel, überlegte, ob der Tau schon verschwunden war, und hoffte, dass der Wetterbericht recht behalten würde.

Eigentlich war das völlig unnötig. Wir hätten den Rasenschnitt genauso gut kompostieren oder einfach liegen lassen können. Trotzdem ließ mich der Gedanke nicht los. Der Auslöser dafür hatte mit dem Heu zunächst gar nichts zu tun. Wir hatten damals zum ersten Mal Gänse, und irgendwann fragte ich mich, was sie eigentlich im Winter fraßen. Solange die Wiesen grün waren, stellte sich diese Frage nicht. Gras gab es überall. Aber was geschah, wenn der Herbst vorüber war und der Boden gefror? Aus dieser einen Überlegung entstand die nächste, und ehe ich mich versah, beschäftigte ich mich nicht mehr mit Gänsen, sondern mit Heu. Vom Heu führte der Weg weiter zu den heißen Tagen Ende Juli, von dort zu den alten Erntebräuchen und schließlich zu Lammas, dem Schnitterfest, das ich bis dahin nur aus Büchern kannte.

Damals fiel mir zum ersten Mal auf, dass manche Begriffe zwar vertraut klingen, aber trotzdem merkwürdig leer bleiben können. Ich wusste natürlich, dass Lammas ein Erntefest war. Ich hätte erklären können, wann es gefeiert wurde und warum es entstanden war. Doch all dieses Wissen blieb seltsam blass, solange ich nicht wenigstens eine Ahnung davon hatte, wie sich diese Arbeit überhaupt anfühlte. Erst als ich selbst mit dem Rechen in der Hand über das trocknende Gras ging, immer wieder zum Himmel schaute und begann, das Wetter plötzlich mit anderen Augen zu beobachten, verlor dieser Begriff seine Abstraktheit. Das Schnitterfest war auf einmal keine historische Randnotiz mehr, sondern die logische Folge einer Arbeit, von der ich bis dahin nur gelesen hatte.

Vielleicht liegt genau darin der Grund, weshalb mir manche Erklärungen nicht ausreichen. Es gibt Themen, die sich wunderbar lesend erschließen. Ich kann einen Nachmittag mit buddhistischer Philosophie verbringen oder mich durch die Entstehungsgeschichte eines Romans arbeiten und habe anschließend durchaus das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Andere Dinge widersetzen sich dieser Art des Lernens. Ich könnte jedes Buch über die Heuernte lesen, das jemals geschrieben wurde, könnte mir erklären lassen, wann gewendet wird, weshalb Regen zur falschen Zeit alles zunichtemachen kann und woran erfahrene Landwirte erkennen, dass das Gras trocken genug ist. Wahrscheinlich würde ich jede dieser Informationen behalten. Trotzdem bliebe zwischen diesem Wissen und mir eine kleine Distanz bestehen.

Erst die eigene Erfahrung schließt diese Lücke. Nicht vollständig, natürlich nicht. Ich bilde mir nicht ein, nach ein paar Tagen Rasenschnitt zu wissen, was Generationen von Landwirten wussten. Aber ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, einem alten Wissen nicht mehr nur von außen zuzusehen. Ich war ihm ein kleines Stück näher gekommen.

Dasselbe habe ich später beim Imkern erlebt. Von außen betrachtet wirkt Honig erstaunlich unkompliziert. Man schleudert ihn, füllt ihn in Gläser und stellt sie ins Regal. Sobald man jedoch selbst vor einem Bienenvolk steht, verändert sich der Blick. Plötzlich spielt die Luftfeuchtigkeit eine Rolle, ebenso die Tracht, das Wetter der vergangenen Tage und die Frage, ob der Honig überhaupt reif ist. Man beginnt Zusammenhänge zu sehen, die vorher unsichtbar waren, und versteht, dass ein Bienenvolk weit mehr ist als die Summe seiner einzelnen Tiere. Es sind genau diese Erfahrungen, die mich interessieren. Nicht, weil ich möglichst viele Fähigkeiten sammeln möchte oder den Ehrgeiz hätte, alles selbst zu beherrschen. Meistens genügt es mir vollkommen, etwas einmal getan zu haben.

Vielleicht erklärt das auch meine Liebe zu alten Büchern. Mich interessieren nicht nur ihre Geschichten, sondern die Welt, in der sie entstanden sind. Ich möchte verstehen, weshalb bestimmte Dinge niemals erklärt werden mussten, warum ein Brotlaib, ein Bienenkorb oder eine Korngarbe für die Menschen damals so selbstverständlich waren, dass kein Autor ein Wort darüber verlor. Erst wenn ich selbst einmal Brot geknetet, Honig geschleudert oder Heu gewendet habe, verlieren solche Dinge ihren Charakter als bloße Kulisse. Sie werden Teil einer Wirklichkeit, die ich zumindest ein wenig nachvollziehen kann.

Deshalb ertappe ich mich manchmal dabei, etwas zu vermissen, das ich nie erlebt habe. Nicht, weil ich glaube, früher sei alles besser gewesen. Dieser Gedanke interessiert mich überhaupt nicht. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes. Ich werde niemals erfahren, wie sich ein Schnitterfest vor dreihundert Jahren wirklich angefühlt hat. Ich werde nie wissen, wie erschöpft jemand nach einem langen Tag auf dem Feld gewesen ist oder worüber am Abend nachgedacht wurde, wenn endlich das letzte Heu trocken im Schober lag. Aber wenn ich selbst einmal tagelang Heu gewendet habe, lese ich diese Welt anders. Sie bleibt Vergangenheit, doch sie rückt ein wenig näher.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich manche Dinge selbst machen muss. Nicht, um sie zu beherrschen. Sondern weil zwischen einer Erklärung und einer eigenen Erfahrung manchmal genau der Unterschied liegt, der aus einem historischen Begriff eine lebendige Erinnerung macht – selbst dann, wenn sie nie die eigene gewesen ist.

Geschrieben von Miriam Emme am .

Zwischen Heu und Honig

| Miriam Emme | Jahreszeiten

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