Bewölkte Tage
Ich habe nie verstanden, warum ein Himmel voller Wolken automatisch als schlechtes Wetter gilt.
Vielleicht liegt es daran, dass ich diesen Gedanken nie wirklich hatte. Für mich waren Wolken nie das, was zwischen mir und der Sonne stand. Schon immer liebte ich diese zerklüfteten Frühlingshimmel, bei denen die Wolken so unfassbar schöne Formen bilden: kontrastreich, wild, frei und mächtig. Wolken gehörten für mich einfach zum Himmel, so wie Bäume zum Wald. Und auch diese unspektakulären, grauen Tage ...waren für mich nie etwas, das ich bedauert hätte. Ehrlich gesagt habe ich mich über viele graue Tage genauso gefreut wie über sonnige. Manchmal sogar mehr.
Trotzdem scheint es eine erstaunlich große Einigkeit darüber zu geben, dass die Sonne die bessere Wahl ist. Schon unsere Sprache verrät es. Wir sprechen von schönem Wetter, obwohl wir eigentlich Sonnenschein meinen. Wir freuen uns, wenn die Wolken endlich aufreißen, als hätten sie den Himmel vorher besetzt gehalten. Und sobald der Wetterbericht mehrere graue Tage ankündigt, klingt das oft fast wie eine kleine Entschuldigung. Natürlich freue ich mich auch über Sonne, wenn nach einem langen, dunklen Januar endlich wieder Licht erscheint. Aber so ein grauer Tag hat auch seinen besonderen Reiz.
Das Licht wird an solchen Tagen weicher und Farben wirken ruhiger. Die Schatten hören auf scharfe Kanten zu bilden. Die Welt versucht an solchen Tagen gar nicht erst, spektakulär zu sein. Ich habe oft den Eindruck, dass Blätter an solchen Tagen mehr Grüntöne besitzen. Wahrscheinlich tun sie das gar nicht. Man sieht sie nur besser.
Vielleicht passiert an bewölkten Tagen überhaupt etwas Merkwürdiges mit unserer Aufmerksamkeit. Wenn die Sonne scheint, schaut man erstaunlich oft zum Himmel. Klar, ein strahlend blauer Himmel ist ja auch fantastisch. An grauen Tagen scheint plötzlich wieder Platz für die kleinen Dinge zu sein. Pflanzen am Wegesrand. Vögel die in der Hecke sitzen und sich viel zu erzählen haben. Dinge, die sonst ein wenig im Glanz der gleißenden Sonne verschwinden. Ich weiß nicht, ob das anderen auch so geht. Für mich fühlt sich ein bedeckter Himmel jedenfalls nie leer an. Eher so, als hätte jemand das Licht im Raum etwas gedimmt, damit plötzlich anderes auffällt.
Vielleicht mögen wir Wolken deshalb so wenig, weil sie uns nichts versprechen. Sie versprechen weder Postkartenidylle noch Freibad oder das perfekte Picknick. Sie kündigen keinen außergewöhnlichen Tag an. Sie behaupten nicht einmal, besonders schön zu sein. Sie sind einfach da. Und genau das gefällt mir an ihnen. Während wir darüber nachdenken, ob das Wetter heute schön genug ist, scheint sich der Garten für diese Frage überhaupt nicht zu interessieren. Die Amsel beginnt ihren Tag nicht später, nur weil die Sonne heute hinter einer Wolkendecke geblieben ist. Und die Hummeln scheinen ebenfalls keinen Wetterbericht zu lesen. Sie fliegen ihre Runde, verschwinden zwischen den Blüten und tauchen wenig später an einer ganz anderen Stelle wieder auf, als wäre nichts Besonderes passiert.
Vielleicht gefällt mir genau das an bewölkten Tagen. Sie scheinen nichts von mir zu erwarten. Niemand wirft einem einen vorwurfsvollen Blick zu, wenn man mit einem Buch auf dem Sofa sitzt oder den Tee noch einmal aufgießt. Dabei ist das eigentlich seltsam. Der Himmel entscheidet schließlich nicht darüber, was ein gelungener Nachmittag ist.
Vielleicht gefällt mir das so gut, weil es mich an etwas erinnert, das wir Menschen erstaunlich oft vergessen: Nicht jeder Tag muss außergewöhnlich sein. Vielleicht liegt genau darin das Problem. Sobald die Sonne scheint, glauben wir, wir müssten sie ausnutzen. Wir planen Ausflüge, Fahrradtouren oder wenigstens den Nachmittag im Garten. Und wenn wir stattdessen mit einem Buch auf dem Sofa sitzen, fühlt sich das manchmal fast wie eine verpasste Gelegenheit an. Dabei entscheidet der Himmel doch gar nicht darüber, ob ein Tag gelungen ist.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Wolken gar kein schlechtes Image haben sollten. Denn sie haben einfach nur Pech, in einer Welt zu leben, die ständig nach dem Spektakulären sucht. Vielleicht bestehen die meisten guten Zeiten gar nicht aus spektakulären Momenten.
Sie bestehen aus ganz gewöhnlichen Tagen.
Und manchmal hängen über ihnen zufällig ein paar Wolken.

Bewölkte Tage
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Du bist herzlich zum Gespenstertee in meinem verwunschenem Garten eingeladen, bei dem wir dampfenden Apfelschalentee trinken und feines Gebäck genießen. Mach es dir bequem, darf ich nochmal nachschenken?

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