Wenn ein Spaziergang plötzlich ein anderer wird
Heute wollte ich nur einen kleinen Spaziergang machen.
Hinter unserem Hof verläuft unsere Straße. Früher war sie mal ein Feldweg, aber leider wurde sie vor 30 Jahre oder so für den öffentlichen verkehr geöffnet, seit dem ist sie recht stark befahren. Aber trotzdem gehe ich sie an Sonnatgen odeer abends sehr gern entlang. Sie führt zwischen den Feldern hindurch bis zu den alten Schlammteichen, wo ich meistens umdrehe. Hin und zurück dauert das ca. dreißig Minuten. Mehr hatte ich gar nicht vor. Vielleicht auf dem Rückweg noch ein paar Gräser für einen Sommerstrauß pflücken. Es war einer dieser bewölkten Sommertage, die ich so liebe. Der Wind strich durch das reife Korn, und dieses unverwechselbare Rauschen begleitete mich schon, bevor ich den Feldweg überhaupt erreicht hatte. Ich weiß nicht, ob man solche Geräusche lieben lernen kann. Für mich gehören sie einfach dazu. Sie sind so tief mit meiner Kindheit verbunden, dass ich mir einen Sommer ohne sie kaum vorstellen kann.
Kurz bevor ich abbog, kamen zwei Jeeps von hinten. Sie fuhren ungewöhnlich langsam, bogen genau in den Weg ein, den ich nehmen wollte, und parkten dort, wo ich sonst umkehre. Vermutlich Jäger. Ich ging geradeaus weiter und bog nicht in den Feldweg zu den Teichen ab.
Erst nach einigen Minuten wurde mir bewusst, dass ich diese Entscheidung gar nicht getroffen hatte. Ich hatte nicht überlegt, ob ich trotzdem dort entlanggehen könnte. Ich hatte auch nicht gedacht, dass die beiden Männer mich wahrscheinlich nicht einmal beachten würden. Mein Spaziergang hatte sich einfach verändert.
Das Merkwürdige daran ist, dass mir so etwas nicht zum ersten Mal passiert. Sobald eine Situation anders wird, als ich sie mir vorgestellt habe, fällt es mir erstaunlich schwer, zu meinem ursprünglichen Plan zurückzukehren. Dabei geht es gar nicht um den Weg. Wäre dort ein umgestürzter Baum gelegen, hätte ich wahrscheinlich einen anderen Pfad gesucht oder wäre darüber geklettert. Es sind die Momente, in denen plötzlich Menschen Teil eines Plans werden, der eigentlich nur zwischen mir, dem Wind und den Feldern stattfinden sollte.
Vielleicht ist es die Aussicht auf eine Begegnung. Vielleicht die Möglichkeit, dass jemand etwas von mir erwartet. Ein Gruß. Ein kurzer Satz. Ein Blick. Nichts Besonderes eigentlich. Und doch reicht dieser Gedanke manchmal aus, damit sich in mir etwas verschiebt. Von außen betrachtet ist das kaum der Rede wert. Man geht eben einen anderen Weg. Wahrscheinlich würde niemand darin überhaupt eine Geschichte sehen.
Für mich fühlt es sich anders an. Nicht, weil ich Angst vor Menschen hätte. Ich begegne Menschen gern, wenn ich darauf eingestellt bin. Aber dieser kleine Spaziergang war in meinem Kopf längst begonnen, bevor ich überhaupt den Feldweg erreicht hatte. Ich war schon dort, hatte die Schlammteiche vor mir gesehen, die Gräser für den Strauß ausgesucht und den Rückweg fast hinter mir. Als die beiden Jeeps einbogen, verschwand dieser Spaziergang nicht langsam. Er war einfach nicht mehr da. Also lief ich weiter. Und weiter und dachte über die Situation nach.
Inzwischen hatte ich den Punkt erreicht, an dem Umkehren keinen Sinn mehr ergab. Also ging ich weiter bis zum Tennisplatz, wo mein Mann spielte. Aus einem Spaziergang von zwanzig Minuten waren plötzlich fast sechs Kilometer geworden. Eigentlich war das sogar schön. Der Wind hatte die ganze Zeit das Korn begleitet, später zogen noch dunklere Wolken auf, und kurz bevor ich den Tennisplatz erreichte, begann es tatsächlich zu regnen.
Seitdem frage ich mich weniger, warum ich an diesem Tag einen anderen Weg gegangen bin. Viel mehr beschäftigt mich die Frage, warum solche kleinen Veränderungen meinen ursprünglichen Plan manchmal vollständig auflösen. Ich weiß nicht, ob andere Menschen das auch kennen. Vielleicht schon. Vielleicht auch nicht.
Ich weiß nur, dass ich den Spaziergang zu den Schlammteichen an diesem Tag nicht mehr gehen konnte, obwohl der Weg die ganze Zeit offen gewesen wäre.
Und ich frage mich, ob es im Leben nicht noch mehr solcher unsichtbaren Abzweigungen gibt. Situationen, in denen sich von außen fast nichts verändert und man sich trotzdem plötzlich auf einem ganz anderen Weg wiederfindet, ohne genau sagen zu können, wann man ihn eigentlich eingeschlagen hat.
Wenn ein Spaziergang plötzlich ein anderer wird
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