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Der gefegte Hof


Warum mich ein Teenager mit einem Besen heute glücklicher gemacht hat, als er ahnen konnte.

Heute habe ich meinen Sohn gebeten, den Hof vor der Haustür zu fegen.

Normalerweise beginnt damit ein Ablauf, den ich inzwischen ziemlich gut kenne. Zuerst kommt ein freundliches »Ja, mache ich gleich.« Dann vergeht Zeit. Irgendwann höre ich ein »Och Mama...« oder »Warum ich?«. Manchmal passt es gerade nicht, manchmal gibt es noch etwas Wichtigeres, manchmal muss ich einfach noch einmal daran erinnern. Es ist nichts Besonderes und vermutlich in unzähligen Familien ganz ähnlich. Trotzdem merke ich, dass ich mich innerlich jedes Mal schon auf diesen kleinen Weg eingestellt habe. Ich weiß längst, dass zwischen der Bitte und dem gefegten Hof meistens noch einiges passiert.

Heute passierte nichts davon.

Ich hatte ihn gefragt und war wieder ins Haus gegangen. Eine Dreiviertelstunde später hörte ich draußen den Besen auf dem Pflaster. Als ich aus dem Fenster sah, fegte er den Hof. Ruhig, gut gelaunt und ganz selbstverständlich, als hätte es nie einen anderen Ablauf gegeben. Ich musste ihn nicht noch einmal daran erinnern. Es gab keine Diskussion und kein Augenrollen. Irgendwann stand ich einfach da und merkte, wie seltsam friedlich sich dieser ganz gewöhnliche Nachmittag plötzlich anfühlte.

Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie viel Energie gar nicht in der eigentlichen Aufgabe steckt, sondern in allem, was ihr normalerweise vorausgeht. Nicht das Fegen kostet Kraft, sondern das Erinnern, das Abwägen, ob jetzt der richtige Moment ist, noch einmal etwas zu sagen, und dieses leise Gefühl, den ganzen Vorgang im Hinterkopf behalten zu müssen, bis er irgendwann erledigt ist. Heute fiel das alles weg. Zwischen meiner Bitte und dem Besen auf dem Hof lag einfach nur Zeit.

Vielleicht hat mich das deshalb so überrascht. Der Hof war hinterher genauso sauber wie sonst auch. Eigentlich hatte sich nur eine Kleinigkeit verändert. Und trotzdem fühlte sich der ganze Nachmittag anders an. Nicht spektakulär. Nicht außergewöhnlich. Einfach leicht. Ich saß später noch eine Weile draußen und dachte, dass Frieden manchmal eine erstaunlich unscheinbare Gestalt hat. Man erkennt ihn nicht daran, dass etwas Besonderes passiert, sondern daran, dass etwas ausbleibt, mit dem man längst gerechnet hatte.

Geschrieben von Miriam Emme am .

Der gefegte Hof

| Miriam Emme | Jahreszeiten

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