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Der Duft der Ernte


Warum mich ein warmer Wind Ende Juli jedes Jahr wieder zum Kind werden lässt.

Es gibt einen Geruch, auf den ich mich jedes Jahr freue, obwohl ich ihn nie bewusst suche. Er kommt irgendwann Ende Juli, meist dann, wenn die Tage schon fast zu heiß geworden sind und die Felder langsam ihre Farbe wechseln. Manchmal genügt eine einzige Windböe, und noch bevor ich irgendwo einen Mähdrescher sehe, weiß ich, dass die Ernte begonnen hat.

Es ist schwer zu beschreiben, wonach dieser Wind eigentlich riecht. Warm ist er. Trocken. Staubig. Irgendwo liegt der Duft von Stroh darin, von Korn, das den ganzen Tag in der Sonne gestanden hat, und von Erde, die seit Wochen kaum Regen gesehen hat. Es ist keiner dieser Düfte, die man in einer Kerze oder einem Parfum wiederfinden würde. Er gehört nur zu dieser kurzen Zeit des Jahres. Vielleicht berührt er mich gerade deshalb so tief.

Sobald ich ihn rieche, bin ich wieder ein Kind.

Ich sehe keine einzelnen Erinnerungen vor mir, sondern eine ganze Welt. Felder, auf denen gearbeitet wird. Fahrradreifen, die über staubige Feldwege rollen. Große Körbe mit Broten, Wurst und kalten Getränken, die wir zum Mittagessen hinausgebracht haben. Mein Großvater auf dem Mähdrescher, später mein Vater, beide mit einer dicken Schicht aus Staub im Gesicht, weil der Mähdrescher damals noch keine Kabine hatte. Meine Großmutter, die mit dem Trecker das Korn zum Kornhaus brachte. Und irgendwo mittendrin ich, die unbedingt auf den Kornwagen klettern wollte, obwohl die Gerstengrannen hinterher überall kratzten und man abends am liebsten sofort unter die Dusche sprang.

Ich erinnere mich genauso gut an die Hitze wie an das Kratzen auf den Beinen. An das Warten, wenn das Korn noch zu feucht war. Daran, dass ständig jemand in den Himmel schaute und hoffte, das Wetter würde noch einen Tag halten. Vielleicht beobachte ich Wolken bis heute deshalb so aufmerksam. Für meine Großeltern war das Wetter keine Randnotiz. Es entschied darüber, ob geerntet werden konnte oder nicht. Mein Großvater schrieb es jeden Tag auf. Damals erschien mir das völlig selbstverständlich. Heute staune ich darüber, wie eng ein Leben mit den Jahreszeiten verbunden sein kann.

Lange dachte ich, ich würde die Landwirtschaft vermissen. Inzwischen glaube ich, dass das nicht stimmt. Was mich jedes Jahr aufs Neue berührt, ist etwas anderes. Es ist das Gefühl, Teil eines gemeinsamen Rhythmus gewesen zu sein. Während der Ernte gab es für unsere Familie kaum ein anderes Thema. Alle schauten auf dieselben Wolken, warteten auf denselben richtigen Moment und arbeiteten auf dasselbe Ziel hin. Als Kind habe ich das nie hinterfragt. Es war einfach die Welt, in der ich lebte.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieser Geruch bis heute so unvermittelt trifft. Er bringt nicht nur Bilder zurück. Er erinnert mich daran, wie es sich angefühlt hat, als eine ganze Familie für eine Weile denselben Takt hatte. Man kann so etwas nicht konservieren. Man kann es nicht nachbauen. Es gehört zu einer bestimmten Zeit, zu bestimmten Menschen und zu einem Sommer, der längst vergangen ist.

Vor ein paar Tagen fuhr ich mit dem Fahrrad an Feldern vorbei, auf denen gerade geerntet wurde. Der Wind trug den Staub bis auf den Weg, und plötzlich war alles wieder da. So plötzlich, dass ich selbst überrascht war, wie sehr mich das berührte. Ich musste an meine Großeltern denken und daran, wie dankbar ich bin, dass ich diese Welt erleben durfte. Manche Erinnerungen werden mit den Jahren blasser. Diese hier scheint jedes Jahr stärker zu werden.

Vielleicht braucht es manchmal gar nicht mehr als einen warmen Wind Ende Juli, damit eine ganze Kindheit für einen Augenblick wieder nach Hause findet.

Geschrieben von Miriam Emme am .

Der Duft der Ernte

| Miriam Emme | Jahreszeiten

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